Haarpflege
Care

No-Poo: natürliche Haarpflege

No Poo/Low Poo („kein/wenig Scheiß“) ist der Trend, bei dem herkömmliches Shampoo über Bord geworfen wird. Stattdessen kommen natürliche Alternativen wie Lavaerde, Roggenmehl, Haarseife, Natron, Apfelessig, Waschnüsse oder sogar nur Wasser zum Zuge. Kurz: natürliche Haarpflege ohne übermäßig Plastikmüll und unnötige Chemikalien.

Eins steht fest: Es gibt richtig gute Alternativen zu herkömmlichem Shampoo. Und es sollte eigentlich für jede*n etwas dabei sein, das funktioniert.

Die Kopfhaut und der Säureschutzmantel

Haarwaschmittel auf Basis von Naturstoffen reinigen i.d.R. sanfter als konventionelle Shampoos, denn vor allem die synthetischen Tenside bringen den pH-Wert der Kopfhaut aus der Balance. Allerdings sollte man einiges beachten. Es ist wichtig, die Bedürfnisse der Kopfhaut mit einzubeziehen. Dabei ist das Wissen um die natürliche Schutzfunktion unserer Haut – den sogenannten Säureschutzmantel – unerlässlich.

Der Säureschutzmantel unserer Haut ist enorm wichtig. Er sorgt zum einen dafür, dass die Haut stets ein wenig feucht bleibt. Zum anderen entsteht durch den leicht sauren pH-Wert der Haut von ca. 5,5 eine Schutzbarriere, die eine Besiedlung mit krankmachenden Keimen verhindert. Daher gilt: Der Säureschutzmantel hält uns gesund. Wir sollten ihn unterstützen.

Auch das Sebum, der körpereigene Fettfilm der Kopfhaut, hat normalerweise einen pH-Wert zwischen 5 und 5,5. Mittels Substanzen, die im gleichen pH-Bereich liegen, lässt sich die Haut-Balance optimal unterstützen. Daher wird sehr oft eine Essig- oder Zitronen-Rinse (mit einem Schuss Säure versetztes Wasser) als abschließende Spülung bei alternativen Haarwaschmethoden verwendet. Solch eine Rinse sorgt auch dafür, dass sich die Kutikula, die Außenschicht des Haares, schließt und glatt wird.

Alkalische (basische) Substanzen mit einem pH-Wert über 7 führen hingegen dazu, dass die Kutikula sich öffnet. Es wird porös, Fremdstoffe können leichter eindringen und das Haar beeinträchtigen. Auch basische Haarshampoos haben diese Wirkung. Es entsteht Frizz. Wenn du lockiges Haar hast, ist deine Kutikula von Natur aus etwas aufgeraut, so dass es noch empfindlicher auf basische Stoffe reagiert.

Die Methoden im Überblick

Natron und Apfelessig

Ziemlich beliebt und gut reinigend ist die Natron-Apfelessig-Methode (engl.: Baking Soda (BS) & Apple Cidre Vinegar (ACV)), bei der erst eine Wasser-Natron-Mischung zum Zuge kommt und dann eine Saure Rinse, die als Spülung dient. Natron* ist besonders am Anfang ein gutes Mittel, um eine schnell nachfettende Kopfhaut richtig zu reinigen. Auf Dauer und ausschließlich kann ich es nicht empfehlen. Es trocknet die Haare aus und Färbungen werden schnell blass.

Natron sollte erst einmal in geringer Konzentration mit ausreichend Wasser verdünnt werden, damit seine basische Wirkung gemildert wird. Durch die anschließende Saure Rinse wird der pH-Wert deiner Kopfhaut wieder in den gewünschten Bereich gebracht und die oberste Haarschicht geglättet.

Essig- oder Zitronenwasser ist generell eine empfehlenswerte Spülung. Obwohl man denken könnte, dass Essig zu aggressiv ist, macht diese Mixtur das Haar sehr weich, glänzend und trocknet es nicht aus. Auch der Geruch verschwindet nach dem Waschen. Die Saure Rinse wird übrigens nicht ausgespült.

*Achte beim Einkauf von Natron (Formel NaHCO3) darauf, dass es sich um handelsübliches Natron bzw. Natriumhydrogencarbonat handelt. Es gibt auch Natriumcarbonat (ohne „hydro“ im Wort, Formel Na2CO3) bzw. (Wasch-)Soda, das nicht geeignet ist. Natron ist in der Drogerie oder im Supermarkt erhältlich.

Haarseife

Haarseifen (engl. shampoo bars (OH)) reinigen nach ein paar Versuchen sehr gut. Es gibt inzwischen eine Fülle an Sorten und Marken, die sich tatsächlich stark unterscheiden. Ausprobieren ist hier also angesagt. Seife das Haar durch Reiben gut ein, bis es leicht schäumt, und lass es kurz einwirken. Wenn du zu fettigem Haar neigst, seife eher die Haarlängen ein und lass die Haarwurzeln aus.

Haarseifen funktionieren generell am besten mit weichem Wasser. Bei hartem Wasser wird es schwer – das Haar kann trotz Waschen „klätschig“ sein und einen wachsartigen Build-up aufweisen. Du solltest dann auf jeden Fall mit einer Sauren Rinse nachspülen oder das Wasser „weicher“ machen (s. weiter unten).

Conditioner only (CO)

CO ist eine Methode, die besonders diejenigen schätzen, die eher Probleme mit zu trockenem Haar haben. Besonders die Gelockten unter uns scheinen dazu zu neigen. Die Suche nach einem guten Bio-Conditioner kann etwas dauern. Viele enthalten Silikone, welche die Haare zwar glätten, aber auch versiegeln (vor allem wasserunlösliche Silikone). Auch (synthetisches) Glycerin ist nicht allzu gut, da es die Haare nur oberflächlich geschmeidig, bei häufiger Verwendung aber matt macht. Ebenso wirkt Alkohol, der die Haare ausbleicht und strohig macht.

Silikon hat außerdem die Eigenschaft, sich abzulagern. Auf Dauer entsteht sogenannter Build-up, bei dem sich immer neue Schichten dieser anhänglichen Substanzen um das Haar legen. Wichtige Nährstoffe können so nicht mehr aufgenommen werden. Während der Transition werden diese Schichten langsam abgetragen. Ein Teil der Ablagerungen in der Haarbürste während der Transition ist wohl damit zu erklären.

Conditioner lässt sich bestens selber herstellen. Es gibt eine Reihe von natürlichen Zutaten, die sich dafür sehr gut eignen: Öle, Essig/Limette/Zitrone, Banane, Avocado, Ei, Bier, Aloe, Leinsamen, Kichererbsenmehl, Reismlich u.a. Im Netz (z.B. bei hairbuddha.net gibt es dazu viele Rezepte). 

Wer lockiges Haar hat, sollte sich auch die Curly-Girl-Methode anschauen. Hier ein paar Infos: https://de.wikihow.com/Mit-lockigem-Haar-die-Curly-Girl-Methode-befolgen

Water only (WO)

Bei dieser Methode werden die Haare nur mit Wasser gewaschen. Dabei wird die Kopfhaut beim Duschen gut massiert und die Haarsträhnen mit den Fingern entlanggefahren. Nach dem Waschen mit warmem Wasser solltet ihr mit kaltem Wasser nachspülen, da dies die Poren schließt.

Zwischen den Haarwäschen ist es hier wichtig, die Haare gut und regelmäßig mit einer Borstenbürste zu bearbeiten, z.B. einer Wildschweinborsten-Bürste (engl.: boar bristle brush (BBB)). Das Bürsten dient der Verteilung des Sebums über das Haar bis in die Spitzen. Es soll helfen, dass der Kopf in der Übergangsphase nicht so einseitig fettig ist, also z.B. oben oder am Hinterkopf, während die Spitzen trocken sind.

Generell ist sauberes und saures, „weiches“ Wasser (im pH-Bereich 5 bis 6) für diese Methode nötig. Leider ist Leitungswasser nur in den wenigsten Städten ausreichend weich. Die Methode durchzuziehen ist daher ziemlich knifflig. Kalk, Chlor, Rückstände im Wasser führen gerne zu dem genannten Build-up und einer wachsartigen Schicht auf dem Haar.

Was gegen hartes Wasser hilft
  • Spülung mit Essig-/Zitronenwasser oder mit Regenwasser, destilliertem, abgekochtem Wasser oder Sprudel
  • Vor dem Waschen etwas Öl ins Haar geben
  • Wasserfilter
Der pH-Wert

Der pH-Wert des Wassers gibt an, ob eine Flüssigkeit sauer oder basisch ist. Unterschreitet eine Flüssigkeit den neutralen Mittelwert von 7, so ist es sauer, bei Werten über 7 ist es basisch. Messen kann man solche Werte mittels eines Indikator-Teststreifens, die es üblicherweise im Drogeriemarkt oder der Apotheke zu kaufen gibt.

Einige pH-Werte im Überblick

Zitronensaft     2
Essig                   2,5 – 3
Orangensaft      3,5
Bier                      4 – 5
Regenwasser 5,6
Mineralwasser 6
Milch                   6,5
Seife                    9 – 10
Natronlauge      11 – 13

Sebum only (SO)

SO ist wohl die herausforderndste Methode. Hier wird das Haar gar nicht mehr regelmäßig gewaschen, sondern vornehmlich durch Bürsten gereinigt. Das mag dem einen oder der anderen suspekt vorkommen. Aber eigentlich ist es eine sehr natürliche Methode, etwas, das der Körper von Natur aus vorgesehen hat: mithilfe von Fett den Schmutz aus dem Haar heraustransportieren. Soweit unsere Recherchen ergeben haben, scheinen allerdings nur Menschen mit sehr trockenem Haar mit der Methode Erfolge zu verzeichnen.

Was ist Sebum?

Das Sebum ist nicht pures Fett. Es bildet eine ganz feine, fast seidige Schicht, die weder Haut noch Haar fettig aussehen lässt. Es macht das Haar und die oberste Schicht der Haut, die Hornschicht, geschmeidig und bildet eine Schutzbarriere gegen Keime, UV-Licht und auch gegen Wasser. Damit bewahrt es Haut und Haar vor Austrocknung und schafft zudem ein physiologisch saures Milieu, was dafür sorgt, dass Krankheitserreger draußen bleiben.

Weitere Alternativen im Kurzüberblick

  • Waschnüsse – funktionieren bei den meisten Haartypen sehr gut; Vorsicht: brennt in den Augen …
  • Lavaerde/Rhassoul und andere Erden – eine eher sanfte Form der Reinigung, die nicht stark entfettet.
  • Roggenmehl – sanfte Reinigung, macht die Haare recht weich.
  • Natürliches Apfelpüree (also einfach einen Apfel mit etwas Wasser in den Mixer) – reinigt sehr gut und macht trockene, saubere Haare.
  • Shikakai* – reinigt gut, entfernt aber, besonders zu Beginn, nicht jegliches Sebum, macht die Haare fluffig, aber mit Struktur.
  • Amla** – reinigt sehr sanft und wird mehr als Conditioner verwendet. In Kombi mit Shikakai aber ein gutes Haarwaschmittel. Verleiht viel Glanz und sehr weiche Haare.
  • Ei – reinigt absolut perfekt, hinterlässt aber einen leichten Eigeruch. Daher am besten mit Joghurt oder Wasser, das einen Tropfen ätherisches Öl enthält, spülen. Die Haare nicht zu heiß waschen, da sonst das Ei gerinnt …
  • Farbloses (oder auch farbiges) Henna – reinigt ebenfalls ziemlich gut.

*Shikakai, ein Akaziengewächs, wird in der TCM und im Ayurveda seit Jahrhunderten als Haarpflegemittel verwendet. Vor allem die Saponine (seifenartige Pflanzenstoffe) und Gerbstoffe sorgen für den reinigenden Effekt.
**Amla, die indische Stachelbeere, gilt im Ayurveda seit jeher als heilige Frucht. Mit ihrem hohen Gehalt an Antioxidantien wird sie in pulverisierter Form sowohl innerlich eingenommen als auch zur Pflege des Haares und der Haut verwendet.

Großer Haken an No-Poo: die Transition

Alles fein, dann kann‘s ja losgehen mit der natürlichen Haarwäsche, denkt ihr jetzt … Aber ganz so einfach ist es nicht. Im Vorfeld gibt es (für die meisten zumindest) ein Hindernis zu meistern: die Übergangsphase.

Die im Englischen „Transition“ genannte Phase, in der die Haare sich von konventionellem Shampoo „entwöhnen“, ist ziemlich herausfordernd. Das Haar reagiert unvorhersehbar, bei denjenigen, die zu fettigem Haar neigen, mit einer Unmenge an Fett. Andere, die eher trockene oder empfindliche Haare haben, kämpfen plötzlich mit Schuppen, juckender Kopfhaut oder Haarausfall.

Das kommt daher, dass durch das Weglassen von konventionellem Shampoo Detox-Effekte auftreten, die aber im Normalfall vorübergehen. Jahrzehntelanges tägliches Waschen mit Dutzenden Chemikalien hinterlässt eben seine Spuren. Die Transition kann zwischen ein paar Wochen bis zu etlichen Monaten dauern – je nach Typ.

Vertrau auf deinen Körper

Es hilft, wenn du auf deine Körperintelligenz vertraust und auf dein Haar „hörst“. Die Bedürfnisse des eigenen Schopfes sind sehr individuell. Der Körper versucht immer, ein optimales Gleichgewicht herzustellen, Schädliches abzutransportieren und sich ansonsten gut zu schützen. Und bedenke: Wie auch mit konventionellem Shampoo werden die Haare nicht jedes Mal gleich sein. Es ist einfach so, dass Haare auf alle möglichen Einflüsse reagieren: Ernährung, psychischer Zustand, Umwelt, Wasserqualität, Jahreszeit, Wetter etc.

Für Leute mit eher trockenem Haar kann das Ganze einfacher sein, da ihre Haare von ein wenig mehr Sebum profitieren. Und diejenigen, die gerne einen straffen Zopf tragen, werden die Übergangsphase unauffälliger überstehen. Wer aber jeden Tag top Haare haben muss und sie offen trägt, sollte lieber einen längeren Urlaub als Startpunkt wählen.

Bürsten, bürsten und warten

Während der Transition ist das regelmäßige Bürsten sehr wichtig. Am besten morgens und abends richtig gut durchbürsten. Das entfernt den Schmutz und verteilt das Sebum. Nach dem Bürsten fühlen sich die Haare mit der Zeit deutlich besser an. Die Bürste sollte danach immer mit etwas Seife gereinigt werden.

Anfangs kann es sein, dass die Haare unregelmäßig fettig sind oder nach dem Waschen oft länger brauchen, um zu trocknen. Zudem ändert sich mit der Zeit, wie das Haar fettig wird. Anstatt, dass es auf diese typisch „ölige“ Art fettig wird, kann es sich wachsartig anfühlen. Aber dies sollten nur vorübergehende Phasen sein.

Troubleshooter Trockenshampoo

Wenn es ganz arg ist, kannst du im Notfall jederzeit Trockenshampoo benutzen. Das lässt deine Haare im Nu sauber und trocken aussehen. Für Trockenshampoo werden meist folgende Substanzen gemischt: Mehl oder Stärke (Roggenmehl, Maisstärke u.Ä.), Erden (Löss/Luvos, Bentonit), bei braunem Haar noch etwas entölter Kakao und je nach Wunsch ein paar Pflegestoffe, ich hab gerne noch etwas Kieselerde drin. Die Hände damit einpudern und an den Haarwurzeln auftragen. Danach einbürsten. Fertig.

Vermeidbare Fehler

„Mal eben“ konventionelles Shampoo zu verwenden, weil man an einem Tag doch top aussehen will, ist keine gute Idee. Die Haare werden laff, strohig oder die Kopfhaut spannt und juckt. Die Erfahrungsberichte sind in der Hinsicht allesamt eher negativ.

Ein weiterer Fehler ist, die Shampoo-Alternativen nicht lange genug einwirken zu lassen. Mindestens 5 bis 10 Minuten Einwirkzeit sind nötig, damit man einen wirklichen Effekt sieht.

Erfahrungen

Die Transition hat bei mir sehr lange gedauert, ich denke, mindestens ein halbes Jahr. Mein Haar ist eher glatt und neigt zum schnellen Nachfetten. In der Zeit war daher ein Pferdeschwanz Pflicht. Dann nach einem halben Jahr änderte sich schlagartig etwas. Die Haare waren plötzlich nach einer Shikakai-Wäsche ganz zart, seidig und null fettig.

Von da an reagierte mein Haar wieder „normaler“. Heute verwende ich Shikakai, Waschnüsse, Roggenmehl, Lavaerde, Kräutertees und Apfel im Wechsel. Ich entscheide eher spontan, was mein Haar gerade braucht. Insgesamt ist es wunderbar glänzend, gesund und fühlt sich fantastisch an.

Für mich steht fest, dass ich weiterhin auf natürliche Alternativen zur Haarwäsche setze. Bei der Fülle an Alternativen ist immer was dabei, das gerade passt. Ich finde, die Vorteile – Natürlichkeit, weniger Plastikmüll und Chemikalien – sind nicht von der Hand zu weisen. Und es macht Spaß, zu experimentieren und das eigene Haar so lebendig zu sehen.

Haare im Wind

Kommentiert gerne, wenn ihr selber Erfahrungen mit alternativen Haarwasch-Methoden gemacht hat! Auf Facebook gibt es auch einige Communities (z.B. https://www.facebook.com/groups/nopoo/about/ auf Englisch), in der ihr etliche Tipps und Erfahrungsberichte findet.

Interessante Links

www.hairbuddha.net (viele tolle Mixturen für die Haarpflege, auf Englisch)
https://de.wikihow.com/Mit-lockigem-Haar-die-Curly-Girl-Methode-befolgen (Zur Curly-Girl-Methode)
https://www.facebook.com/groups/nopoo/about/ (englische Facebook-Gruppe mit etlichen Infos)
http://happyhairguide.com/ (schöne Site auf Englisch)
https://justprimalthings.com/hair/ (Water only Tipps, auf Englisch)
https://experimentselbstversorgung.net/1-jahr-ohne-shampoo/ (auf Deutsch)
https://ze.tt/no-poo-einfach-aufs-shampoo-verzichten/ (gerade entdeckt, deutscher Artikel bei ZEIT online)

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